Samstag 22. September 2018

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Die aktuelle Ausgabe Frühjahr-Sommer/2018

 

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NEU! "Orthodoxe Religionspädagogik"

an der Universität Wien

 

 

Der Sinn der Großen Fastenzeit (6. Teil)

Tränen und Freude

Als viertes müssen wir wissen, dass die Zeit der Großen Fastens, auch wenn es paradox klingt, keine Zeit der Bedrücktheit ist, sondern eine Zeit der Freude. Natürlich führt uns das Fasten zur Reue und Trauer über unsere Sünden, die wir getan haben, aber dieser Reueschmerz ist, um einen ausdrucksvollen Begriff von Johannes Klimakos zu verwenden, eine „freudeschaffende Trauer“. (19) Der Triod erwähnt absichtlich in einem Satz die Tränen und die Freude:

 

Gib mir die Tränen, die fallen wie der Regen vom Himmel, Christus, während ich mich an diesem freudigen Tag des Fastens anstrenge. (20)

 

Bedeutend ist, dass Themen der Freude und des Lichts sehr oft in den Texten des ersten Tages der Großen Fastenzeit zu finden sind:

 

Freudig treten wir an den Anfang des Fastens,

Unsere Gesichter sollen traurig sein,

Freudig beginnen wir die allheilige Zeit des Enthaltens

Und erleuchten wir mit hellem Schein der Heiligen Gebote.

Es wurde gesagt, dass das vergängliche Leben nichts weiter als ein Tag ist

Und für jene, sie sich mit Liebe bemühen, bestehen vierzig Tage des Fastens

Und mit Freude halten wir es ein. (21)

 

Man sollte beachten, dass die Zeit des Großen Fastens nicht in die Winterperiode fällt, wenn die Erde gefroren und tot ist, sondern in den Frühling, wenn das Leben zurückkehrt. Beispielsweise hat das englische Wort für Fastenzeit „lent“ ursprünglich den Frühling bezeichnet und in einem fundamental bedeutenden Text des Triod wird die Große Fastenzeit auch als „Frühling“ bezeichnet: 

 

Der Frühling des Fastens ist erwacht,

Und die Blumen der Reue beginnen sich zu öffnen,

Oh, Brüder, reinigen wir uns von allen Unreinheiten

Und singen wir zum Spender des Lichts

Ehre sei Dir, Du einziger Menschenliebender! (22)

 

Die Fastenzeit bedeutet also nicht Winter, sondern Frühling – nicht Dunkelheit, sondern Licht, nicht den Tod, sondern die erneuerte Lebenskraft. Sie hat natürlich auch ihre düstere Seite, die tägliche Verneigungen bis zum Boden während der Gottesdienste beinhaltet, dunkle Liturgiegewänder der Priester, Hymnen, die mit gedämpfter Stimme gesungen werden und das Gefühl der Reue ausdrücken. Im christlichen oströmischen Reich waren während der Großen Fastenzeit alle Theater geschlossen und die öffentlichen Vorstellungen waren untersagt (23); sogar heute sind während der sieben Wochen der Großen Fastenzeit Trauungen nicht erlaubt. (24) Diese Elemente der Strenge sollten aber nicht die Tatsache verblenden, dass die Fastenzeit keine Bürde, und keine Strafe ist, sondern die Gabe der Gnade Gottes.

 

Kommet, ihr Völker, und nehmen wir heute die Gnade der Fastenzeit und die Gabe Gottes an. (25)

 

Fünftens und schlussendlich, bedeutet unser Enthalten während der Fastenzeit nicht die Ablehnung der Schöpfung Gottes. So wie es der Hl. Apostel Paulus sagt, nichts ist an sich unrein (Röm 14, 14). Alles was Gott erschaffen hat, ist sehr gut (1. Mose 1, 31). Die Fastenzeit also bedeutet nicht die Verneinung dieser Güte, sondern ihre erneute Bestätigung. Den Reinen ist alles rein (Tit 1, 15), so dass es beim messianischen Festmahl im Himmelreich keine Notwendigkeit für das Fasten geben wird und für eine asketische Selbstaufgabe. Da wir allerdings, in der gefallenen Welt leben und wegen der Folgen der Sünde leiden, sowohl der Erstsünde, wie auch der eigenen, sind wir nicht rein und es ist notwendig, dass wir fasten.

 

Das Böse besteht nicht in den erschaffenen Dingen als solchen, sondern in unserer Einstellung zu diesen bzw. in unserem Willen. Aus diesem Grund ist der Sinn der Fastenzeit nicht die Schöpfung Gottes abzulehnen, sondern unseren Willen zu reinigen. Während der Fastenzeit verleugnen wir unsere körperlichen Bedürfnisse – beispielsweise unser natürliches Bedürfnis nach Nahrung und Trinken – nicht, weil diese Bedürfnisse an sich schlecht sind, sondern weil diese durch die Sünde gestört sind und verlangen, dass sie mit Selbstdisziplin gereinigt werden.

 

Daher folgt, dass die Askese und Enthaltsamkeit nicht ein Kampf gegen den Körper sind, sondern für den Körper, und Ziel des Fastens ist es, den Körper von den (versteckten) Unreinheiten zu reinigen, die ihm fremd sind und ihn geistlich zu machen.

 

Indem wir uns von dem sündigen in unserem freien Willen lossagen, zerstören wir nicht unseren gotterschaffenen Körper, sondern wir stellen ihn in seinem wahrhaften Gleichgewicht und Freiheit wieder her. Den Worten Vater Sergej Bulgakov nach, „töten“ wir das Fleisch um den Körper zu erhalten.

 

Wenn wie den Körper geistlich machen bedeutet dies allerdings nicht, dass wir ihn dematerialisieren, dass wir ihn seines Charakters als physischer Tatsache enteignen. Den Begriff „geistlich“ sollte man nicht mit dem Begriff „immateriell“ gleichsetzen, sowie weder „des Fleisches“ noch „sinnlich“ mit „körperlich“ gleichgesetzt werden kann.

 

Wenn der Hl. Apostel Paulus den Begriff „Fleisch“ verwendet, dann spricht er von der Gesamtheit des Menschen, von Seele und Körper, aber in ihrem gefallenen Stadium und im Stadium der Getrenntheit von Gott; auf die gleiche Weise bedeutet „Geist“ die menschliche Gesamtheit, Seele und Körper, aber im Sinne ihrer Erlösung und Vergöttlichung mit der Gnade Gottes. (26)

 

Demnach kann die Seele, wie auch der Körper, „Fleisch“ oder „sinnlich“ werden, aber auch der Körper, wie die Seele „geistlich“ werden. Wenn der Hl. Apostel Paulus die körperlichen Handlungen aufzählt (Gal 5, 19-21), so schließt er auch solche Begriffe ein, wie Spaltungen, Häresie und Neid, d. h. Handlungen, die viel mehr mit der Seele in Verbindung gebracht werden, als mit dem Körper. Indem sie unseren Körper geistlich macht, verdrängt die Große Fastenzeit nicht die physische Seite unserer menschlichen Natur, sondern begingt, dass unsere Materie (unsere Künstlichkeit) so wird, wie sie Gott erdacht hat.

 

Dies ist die Weise, wie wir unsere Enthaltsamkeit von der Nahrung deuten. Brot, Wein und andere irdische Früchte stellen Gaben Gottes dar, die wir mit Respekt und Dankbarkeit, probieren.

 

Wenn sich orthodoxe Christen in gewissen Perioden vom Fleischessen fernhalten, und wenn sie dies, in gewissen Fällen, ständig machen, so bedeutet das nicht, dass die Orthodoxe Kirche im Prinzip den Vegetarismus vertritt oder das Fleischessen als Sünde ansieht; wenn wir uns für eine Zeit vom Weinkonsum enthalten, so heißt das nicht, dass wir auf dessen Gebrauch      vollständig verzichten.

 

Wenn wir fasten, so machen wir das nicht, weil das Essen selbst schändlich ist, sondern um unser Essen geistlich, sakramental und eucharistisch zu machen – in diesem Fall ist das kein Entgegenkommen unserer Gier, sondern die Art und Weise für die Gemeinschaft mit Gott, dem Gabenspender.

 

Weit gefehlt, dass es uns dazu führt die Nahrung als etwas Unreines zu sehen, hat das Fasten genau die gegenteilige Konsequenz: nur jene, die durch das Enthalten gelernt haben, ihren Appetit zu kontrollieren, können die gesamte Herrlichkeit und Schönheit dessen schätzen, was uns Gott gegeben hat. Jener, der 24 Stunden nichts gegessen hat, dem wird eine Olive sehr nahrhaft erscheinen. Ein Stück einfachen Käses oder ein hartgekochtes Ei sind nie so schmackhaft, wie am Ostermorgen, nach sieben Wochen Fasten.      

 

Bischof Kallistos Ware, Metropolit von Diokleia und Professor für orthodoxe Studien an der Oxford University, sowie Autor zahlreicher Bücher über die orthodoxe Kirche.

 

Fortsetzung folgt…

 

(Quelle: www.svetosavlje.org – Übersetzung Mag. Mirko Kolundzic)

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